Der folgende Text ist
als Stand-Up Comedy-Beitrag konzipiert. Fühlen Sie sich frei, sich an passenden
Stellen ausdrucksstarke Mimik und zum Brüllen komische Gestik vorzustellen. Das
Einfügen von dramaturgisch essentiellen Redepausen nach Gefühl und nach den
Pointen, um Gelächter sowie zustimmenden Zwischenapplaus zu entfachen, traue
ich Ihnen durchaus auch zu.
Warum das Ganze? Von der Schriftstellerei alleine kann man ja angeblich nicht leben, sagen die Älteren. Ich lege mir nun also ein solides zweites Standbein als Stand-Up-Comedian zu.
Warum das Ganze? Von der Schriftstellerei alleine kann man ja angeblich nicht leben, sagen die Älteren. Ich lege mir nun also ein solides zweites Standbein als Stand-Up-Comedian zu.
Noch genau 3 Wochen bis zum Tag X im Jahr des
Weltuntergangs. Mein 30. Geburtstag. Die
Maya haben schon gewusst, wann es Zeit ist, den Kalender zu beenden und mit dem
Zählen aufzuhören.
Ich sehe in den Spiegel. Bestandsaufnahme. Im Gesicht ist
alles in Ordnung, die Haut unrein mit vereinzelten Pickeln. Ausgezeichnet, das
lässt mich jugendlich wirken. Meine
Füsse finde ich auch ganz in Ordnung. Den tragischen Zustand der Zone
dazwischen, die himmelschreiende Ungerechtigkeit der pummeligen Tatsachen werde
ich hier nicht beschreiben. Wir wollen uns ja an dieser Stelle nicht auf
Bridget Jones-Niveau herablassen, nicht wahr.
Ich mach das anders. Ich esse noch meinen Schokoriegel auf
und fahre ins Fitnessstudio. Mein Leben ändern. 3 Wochen um topfit zu werden
und rundum in neuer Göttlichkeit zu erstrahlen!
Ich komme rein und es stinkt nach Testosteron. Rund um mich
Männer, durchwegs türkischen Ursprungs, aufgepumpt wie Luftballons, die Haut
droht vor lauter Muskeln zu platzen und ist debrezinerwürstelfarben. Haben wohl alle das Solarium-Kombi-Abo. Einer
versucht mir nachzupfeifen, es fehlt ihm
aber vorne ein Zahn und alles was rauskommt ist ein enormer Tropfen Spucke.
Seine Kumpels lachen, ich nicht so. Der Koloss von Meidling lässt sich nicht
beirren, kräht im lokalen Slang „Hellllllo Llllllady!“, zwinkert mir zu und
geht zur Getränkebar. Dabei bewegt er sich wie ein Cowboy, der sein
tonnenschweres Gemächt Schritt für Schritt vor sich herschieben muss. Ich
verdränge die Bilder in meinem Kopf und öffne die Tür zu Damengarderobe. Hier
habe ich viel Platz, denn es ist keine andere Dame im Studio. Ich schäle mich
in mein atmungsaktives Preispudel-Trainingsoutfit samt Stirnband von Lacoste,
schnalle die Nike-Pulsuhr um, hole eine Flasche Elektrolytgetränk in Türkis aus
dem Rucksack (die Geschmacksrichtung ist zwar ein kulinarisches Waterloo, passt
aber am Besten zum Outfit), vergesse um ein Haar die Legwarmers und bin froh
dass sie mir noch eingefallen sind, denn ein professionelles Aussehen ist schon
die halbe Miete, wenn man sich in der Öffentlichkeit körperlich ertüchtigt. Das
habe ich im Musicalstudium gelernt. Ich werfe mein American Apparel-Handtuch
lässig über die Schulter und entere den Trainingsraum.
Aufwärmen. Den besten Trainingseffekt
hat angeblich der Crosstrainer. Ich klettere auf die riesige Maschine , die wohl
nicht für kurzbeinige Schönheiten wie mich konzipiert ist. Mit meinen 1,60m bin
ich fast zu klein für das Gerät und jeder Schritt fühlt sich an, als würde man
mich direkt in einen Spagat zwingen. Ich lasse mir aber nichts anmerken, halte
mich tapfer fest und reguliere die Trainingsstufe nach einigen Minuten sogar von Stufe 1 auf Stufe 2. Man muss ja
nicht unbedingt dazusagen dass das Ding insgesamt 15 Trainingsstufen auf Lager
hat, nicht wahr.
Vor mir ein Spiegel. Gesicht rot, Pulsuhr piept. Ein besorgter Mitarbeiter läuft auf mich zu, weist mich auf die Alarm schlagende Pulsuhr hin und fragt, ob ich Hilfe brauche. Ich winke ab und sage, da wird eben die Batterie leer, dann piept sie immer. Mitarbeiter sieht mich skeptisch an, zieht aber wieder ab.
Ich laufe weiter. Mein Gesicht wird immer röter und in Kombination mit meinen hellblonden Haaren und meinem plakativ angezeigten, hohen Körperfettgehalt muss ich irgendwie an Pommes rot-weiss denken. Aber um das Fett geht’s ja schliesslich, das soll weg. Ich schalte einen Gang runter und laufe tapfer weiter.
Schliesslich fasst sich der debrezinerfarbene Adonis von
vorhin ein Herz und kommt direkt auf mich zu. Er stellt sich vor meinen
Crosstrainer, ich beschliesse ihn zu ignorieren und starre arrogant-überheblich
auf einen der Fernseher, die im Studio herumstehen. Dass der nicht
eingeschalten ist, kann er ja aus seiner Position nicht sehen. Leider
interpretiert er mein Verhalten nicht als abweisendes Desinteresse sondern als
Einladung stehenzubleiben und sogar mit mir zu sprechen. „Hello Schnecke, was
machst Du nachher noch?“ Kaugummikauend und laut schmatzend sieht er
beifallheischend zu seinen Kumpels an der Bar. Die Kumpels geben sich
gegenseitig High Five. Mein Gott. Wie werde ich den Typen wieder los, ohne
wegzulaufen?
Ich sehe ihm in die leer blickenden Augen und fühle mich bestätigt in der Annahme, dass hinter selbigen wohl nicht viel Gehirn liegen kann. Ich hole zu einer Antwort aus.
„Nach dem Training pflege ich mich mit meinem Cognacschwenker in die Badewanne zu legen und Sartre zu zitieren.“
Zu viele lange Wörter für den Muskelprotz, irritiert zieht er ab und ich klettere vom Crosstrainer. Die Anzeige meint, ich hätte 70 Kalorien verbraucht. Nur 70? Muss wohl defekt sein, das waren mindestens 700.
Ich sehe ihm in die leer blickenden Augen und fühle mich bestätigt in der Annahme, dass hinter selbigen wohl nicht viel Gehirn liegen kann. Ich hole zu einer Antwort aus.
„Nach dem Training pflege ich mich mit meinem Cognacschwenker in die Badewanne zu legen und Sartre zu zitieren.“
Zu viele lange Wörter für den Muskelprotz, irritiert zieht er ab und ich klettere vom Crosstrainer. Die Anzeige meint, ich hätte 70 Kalorien verbraucht. Nur 70? Muss wohl defekt sein, das waren mindestens 700.
Mir reichts für heute. Ich werde mit der U-Bahn nach Hause
fahren, bei der Station, an der ich aussteige, gibt’s einen sehr leckeren
Kebap-Stand. Das habe ich mir jetzt verdient.
*Zitat von Rainald Grebe aus dem schönen Lied „Single in
Berlin“
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