Donnerstag, 12. April 2012

"Ich muss mein Leben ändern! Ich mach jetzt Bauchmuskeltraining." *


Der folgende Text ist als Stand-Up Comedy-Beitrag konzipiert. Fühlen Sie sich frei, sich an passenden Stellen ausdrucksstarke Mimik und zum Brüllen komische Gestik vorzustellen. Das Einfügen von dramaturgisch essentiellen Redepausen nach Gefühl und nach den Pointen, um Gelächter sowie zustimmenden Zwischenapplaus zu entfachen, traue ich Ihnen durchaus auch zu.
Warum das Ganze? Von der Schriftstellerei alleine kann man ja angeblich nicht leben, sagen die Älteren. Ich lege mir nun also ein solides zweites Standbein als Stand-Up-Comedian zu.

Noch genau 3 Wochen bis zum Tag X im Jahr des Weltuntergangs. Mein 30. Geburtstag.  Die Maya haben schon gewusst, wann es Zeit ist, den Kalender zu beenden und mit dem Zählen aufzuhören.
Ich sehe in den Spiegel. Bestandsaufnahme. Im Gesicht ist alles in Ordnung, die Haut unrein mit vereinzelten Pickeln. Ausgezeichnet, das lässt mich jugendlich wirken.  Meine Füsse finde ich auch ganz in Ordnung. Den tragischen Zustand der Zone dazwischen, die himmelschreiende Ungerechtigkeit der pummeligen Tatsachen werde ich hier nicht beschreiben. Wir wollen uns ja an dieser Stelle nicht auf Bridget Jones-Niveau herablassen, nicht wahr.

Ich mach das anders. Ich esse noch meinen Schokoriegel auf und fahre ins Fitnessstudio. Mein Leben ändern. 3 Wochen um topfit zu werden und rundum in neuer Göttlichkeit zu erstrahlen!

Ich komme rein und es stinkt nach Testosteron. Rund um mich Männer, durchwegs türkischen Ursprungs, aufgepumpt wie Luftballons, die Haut droht vor lauter Muskeln zu platzen und ist debrezinerwürstelfarben.  Haben wohl alle das Solarium-Kombi-Abo. Einer versucht mir nachzupfeifen,  es fehlt ihm aber vorne ein Zahn und alles was rauskommt ist ein enormer Tropfen Spucke. Seine Kumpels lachen, ich nicht so. Der Koloss von Meidling lässt sich nicht beirren, kräht im lokalen Slang „Hellllllo Llllllady!“, zwinkert mir zu und geht zur Getränkebar. Dabei bewegt er sich wie ein Cowboy, der sein tonnenschweres Gemächt Schritt für Schritt vor sich herschieben muss. Ich verdränge die Bilder in meinem Kopf und öffne die Tür zu Damengarderobe. Hier habe ich viel Platz, denn es ist keine andere Dame im Studio. Ich schäle mich in mein atmungsaktives Preispudel-Trainingsoutfit samt Stirnband von Lacoste, schnalle die Nike-Pulsuhr um, hole eine Flasche Elektrolytgetränk in Türkis aus dem Rucksack (die Geschmacksrichtung ist zwar ein kulinarisches Waterloo, passt aber am Besten zum Outfit), vergesse um ein Haar die Legwarmers und bin froh dass sie mir noch eingefallen sind, denn ein professionelles Aussehen ist schon die halbe Miete, wenn man sich in der Öffentlichkeit körperlich ertüchtigt. Das habe ich im Musicalstudium gelernt. Ich werfe mein American Apparel-Handtuch lässig über die Schulter und entere den Trainingsraum.

Aufwärmen. Den besten Trainingseffekt hat angeblich der Crosstrainer. Ich klettere auf die riesige Maschine , die wohl nicht für kurzbeinige Schönheiten wie mich konzipiert ist. Mit meinen 1,60m bin ich fast zu klein für das Gerät und jeder Schritt fühlt sich an, als würde man mich direkt in einen Spagat zwingen. Ich lasse mir aber nichts anmerken, halte mich tapfer fest und reguliere die Trainingsstufe nach einigen Minuten  sogar von Stufe 1 auf Stufe 2. Man muss ja nicht unbedingt dazusagen dass das Ding insgesamt 15 Trainingsstufen auf Lager hat, nicht wahr. 

Vor mir ein Spiegel.  Gesicht rot, Pulsuhr piept. Ein besorgter Mitarbeiter läuft auf mich zu, weist mich auf die Alarm schlagende Pulsuhr hin und fragt, ob ich Hilfe brauche. Ich winke ab und sage, da wird eben die Batterie leer, dann piept sie immer. Mitarbeiter sieht mich skeptisch an, zieht aber wieder ab.
Ich laufe weiter. Mein Gesicht wird immer röter und in Kombination mit meinen hellblonden Haaren und meinem plakativ angezeigten, hohen Körperfettgehalt  muss ich irgendwie an Pommes rot-weiss denken. Aber um das Fett geht’s ja schliesslich, das soll weg. Ich schalte einen Gang runter und laufe tapfer weiter. 

Schliesslich fasst sich der debrezinerfarbene Adonis von vorhin ein Herz und kommt direkt auf mich zu. Er stellt sich vor meinen Crosstrainer, ich beschliesse ihn zu ignorieren und starre arrogant-überheblich auf einen der Fernseher, die im Studio herumstehen. Dass der nicht eingeschalten ist, kann er ja aus seiner Position nicht sehen. Leider interpretiert er mein Verhalten nicht als abweisendes Desinteresse sondern als Einladung stehenzubleiben und sogar mit mir zu sprechen. „Hello Schnecke, was machst Du nachher noch?“ Kaugummikauend und laut schmatzend sieht er beifallheischend zu seinen Kumpels an der Bar. Die Kumpels geben sich gegenseitig High Five. Mein Gott. Wie werde ich den Typen wieder los, ohne wegzulaufen?
Ich sehe ihm in die leer blickenden Augen und fühle mich bestätigt in der Annahme, dass hinter selbigen wohl nicht viel Gehirn liegen kann. Ich hole zu einer Antwort aus.
„Nach dem Training pflege ich mich mit meinem Cognacschwenker in die Badewanne zu legen und Sartre zu zitieren.“
Zu viele lange Wörter für den Muskelprotz, irritiert zieht er ab und ich klettere vom Crosstrainer. Die Anzeige meint, ich hätte 70 Kalorien verbraucht. Nur 70? Muss wohl defekt sein, das waren mindestens 700. 

Mir reichts für heute. Ich werde mit der U-Bahn nach Hause fahren, bei der Station, an der ich aussteige, gibt’s einen sehr leckeren Kebap-Stand. Das habe ich mir jetzt verdient. 



*Zitat von Rainald Grebe aus dem schönen Lied „Single in Berlin“

Sonntag, 8. April 2012

Auferstehungsrevolte oder: Ostern für Misanthropen

Heute rebelliere ich gegen das Fest der Auferstehung und bleibe liegen. Ich werde Nudeln ohne Ei kochen und kein einziges Familienmitglied anrufen. Schokohasen kommen mir sowieso keine ins Haus, sind ja nur reinkarnierte Weihnachtsmänner.

Rundherum werden Eier zuerst in Signalfarben bemalt, um sie anschliessend zu verstecken. Völlig sinnfrei, wenn ihr mich fragt. Mit Camouflage getarnte und mit Blättern und Moos beklebte Eier, das wär mal ne echte Herausforderung.

Ganze Familien kommen hinter den Fernsehern und Spielkonsolen hervor und sprechen zum ersten Mal seit Weihnachten miteinander. "Wie läufts denn in der Schule?" - "Eh gut." - "Und bei Dir, was tut sich im Büro?" - "Eh nix." Aus Kommunikationsnot und Gesprächsstoffmangel geht es schliesslich gemeinsam in die kalte Kirche und dann hungrig zur Fleischweihe, da stauen sich die Aggressionen auf. Nachdem im nun verwüsteten Garten die Eier gefunden und Gartenerde und Zecken in die Wohnung getragen sind, kann man endlich die aufgestauten Aggressionen ablassen und- anstatt (oder bevor, ja nach Bildungsgrad) sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen- die gefundenen Eier pecken. Ein seltsamer Brauch. Generationen sitzen sich gegenüber und kämpfen darum, wer die stärkeren Eier hat. Eine plumpe Metapher. Ein testosterongetriebenes Spiel des Wahnsinns. Österreich sucht das Super-Ei.

Nein, da mache ich nicht mit.

Ein Tag allein im Bett, da hat man viele Möglichkeiten! My bed is my castle und in meiner Badewanne bin ich Kapitän. Da hat mir niemand was zu sagen, und wenn eins meiner Meerschweinchen rülpst und stinkt dann nicke ich anerkennend, sage "Ist schon gut, Buddy. Heute dürfen wir das." und beisse genussvoll in mein Knoblauchfischsandwich.

Heute ist Ich-lasse-mich-gehen-und-bin-zufrieden-damit-Tag. Stressfrei am Feiertag, ich fühle mich so überlegen als wäre ich die Erlöserin höchstpersönlich. Jesus hätte auch liegenbleiben sollen. Aber nachher ist man immer klüger.




Freitag, 6. April 2012

Exhibitionistischer Versuch zur Selbsthilfe im 9-Finger-System

Liebe Leser, Leserinnen und Leserchen. 

Nun tu ichs also, ich blogge. Was bleibt mir auch anderes übrig. Ich werde ja in 30 Tagen 30. Eigentlich sind es nur noch 27 Tage, aber den kreativen Freiraum nehme ich mir heraus.

Ich, das ist selbstredend eine fiktive Figur. Meine Gedankenwelt und ich haben nichts mit der Person zu tun, die an den 9 Fingern dranhängt mit denen ich tippe. Die wird zufällig auch 30, an dieser Stelle endet die Liste der zufälligen Gemeinsamkeiten zwischen uns beiden aber auch schon wieder. 

Das mit den 9 Fingern hat mich beim Erstellen dieses Blogs auch ein bisschen gewundert. Es fällt mir zum ersten mal auf, dass mein rechter Daumen beim Tippen auf dem Notebook nie zum Einsatz kommt. Ich bin wohl auch im Geiste zu sehr Linkshänderin um eine vollständige Beidhändigkeit akzeptieren zu wollen. Linkshänder sollen angeblich intelligenter und kreativer sein als Rechtshänder. Ich finde, das stimmt. Laut einer amerikanischen Studie verdienen Linkshänder auch 10-15% mehr als Rechtshänder. Davon habe ich bisher noch nichts bemerkt, auch bei der Bemessung meines derzeitigen Anspruchs auf Arbeitslosengeld wurde das Faktum bisher nicht berücksichtigt. Frechheit. Beim nächsten Termin mit meiner Betreuerin werde ich das ansprechen.

Und da sind wir auch schon beim Thema. Der nächste Termin am AMS. Er findet an meinem 30. Geburtstag statt. Ein Termin wie ein Schlag ins Gesicht, Sinnbild für die plötzlich plastisch gewordene Lebenskrise, die ich mit 28 noch als ein Hirngespinst all der gescheiterten Existenzen abgetan habe, zu denen ich nie gehören würde. Hereinspaziert, herzlich willkommen zu ihrem Erniedrigungstermin, sie haben 15 Minuten ihr Scheitern vorzutragen, freie Wortwahl und Form, aber bitte pünktlich. 

(Die Betreuer am AMS sind, unter uns gesagt, seltsam und weltfremd. So sehr ich auch argumentiere und die Fakten auf den Tisch lege, sie wollen nicht einsehen dass ich eine große Sprachkünstlerin bin. Anstelle von Förderungsgeldern für eine Schriftstellerkarriere bieten sie mir manchmal Stellen als Regalbetreuerin in Baumärkten an. Wahrscheinlich sind sie eifersüchtig.)

Warum schreibe ich also diesen Blog? 
Ich gehöre einer Generation an, die kein gemeinsames Zeil hat. Wir haben nicht mal einen catchy Titel wie "Generation X" oder "Nachkriegsgeneration". Wir haben keinen Krieg überstanden, wir haben keine Revolution angestiftet, wir hatten nicht mal mehr die Möglichkeit gegen irgendetwas zu rebellieren, weil ja sowieso schon alles erlaubt war. 
Eine Generation der beruflich erfolgreichen Allroundtalente, eine Generation in der Querdenker und Spezialisten nicht gefördert werden, sondern überrannt, eine Generation der exhibitionistischen Facebook-Poster, die gar nicht mehr zu sagen haben als "Guten Morgen" und "Gute Nacht", eine Generation der Ziellosen und Getriebenen. 
Und ich.

Ich bin fast 30. Ich bin Single. Ich bin arbeitslos. Ich bin gescheitert, sagen die anderen. Und ich bin toll.

Wir sind 30. Wir sind Single. Wir sind arbeitslos. Wir sind gescheitert, sagen die älteren. Und wir sind toll. 


Auf 30 gute Blog-Tage. Und dann machen wir gemeinsam ein Fass auf!